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HR in Aktion - Interview, 9/2002
Kunst als Methode der Personal- und Organisationsentwicklung Künstlerische Elemente gewinnen in der Personal- und Organisationsentwicklung zunehmend an Ansehen. Vor allem Vorreiterunternehmen haben Kunst als interaktive Methode für langfristige Veränderungen für sich entdeckt. HR IN AKTION wollte wissen, welche Chancen die Kunst Wirtschaftsu nternehmen bietet und in welchen Bereichen sie am besten eingesetzt werden kann. Unsere Fragen beantwortete Frau Mariott Stollsteiner, Leiterin der Firma art & business: HR IN AKTION: Welche klaren Vorteile hat die Kunst Ihrer Meinung nach gegenüber anderen interaktiven Methoden? Mariott Stollsteiner: Ein klarer Vorteil der Kunst ist immer, dass sie Realität ist und nicht gespielt wird. Z. B. wenn ich mit einem Kollegen gemeinsam ein Bild male und mit meiner schwarzen Farbe über sein helles Himmelblau male, ist das einfach real und nicht gedacht. Und auch die Emotionen, die Gedanken und Empfindungen dazu, sind sofort real und nicht vorgestellt. Kunst ermöglicht durch ihren direkten Charakter sofort den Bezug zu mir selbst und meiner Beziehung zum Umfeld. Außerdem schult Kunst ganz konkret immer die Wahrnehmung. Die Wahrnehmung vor dem Urteil, wodurch Wahrnehmung zum Instrument der Qualitätsfindung wird. Ein weiterer Vorteil ist, dass in der Kunst erst einmal alles erlaubt ist. Außerdem ist meine Erfahrung, dass künstlerische Techniken sofort beim Gefühl, an der Herzensqualität im Menschen anknüpfen und nicht im Kopf hängen bleiben. Dadurch entsteht eine stärkere Be- und Getroffenheit. Dies ermöglicht einen schnelleren Zugang zu individuellen Erkenntnissen, notwendigen Veränderungen, und in der Sache begründeten Entwicklungsprozessen. Ein weiterer Vorteil von Kunst: Fehler sind immer Sprungbretter in neue Möglichkeiten. Kunst erweitert den Mut zu tun. Kunst macht auch direkt sichtbar, dass auch Nichttun Tat bedeutet. HR IN AKTION: Für welche Zielgruppen und Themenbereiche der PE ist Kunst besonders gut geeignet? Mariott Stollsteiner: Die Schwerpunkte: Teambildung, Prozesse gestalten, persönliche Prozesse, Abteilungsprozesse, Kulturen verbinden, Wahrnehmungsschulung, was bis in die Gestaltung des konkreten Arbeitsumfeldes gehen kann, Erweiterung der Sichtweise usw. Überall, wo es darum geht, eingefahrene Gleise zu verlassen, Liebgewordenes unter einem anderen Blickwinkel zu betrachten und Mut zu geben, die Gegenwart aus der Zukunft zu gestalten, ist Kunst besonders geeignet. Kunst ist auf jeden Fall für alle zukunftsgerichteten Bereiche der Persönlichkeitsentwicklung ein wirkungsvolles Instrument. Kunst ist überall da geeignet, wo es um Vernetzungen von fremden Kulturen geht: in der eigenen Firma von Abteilung zu Abteilung, in interkulturellen Teams oder über die Firmengrenzen hinaus mit anderen Unternehmen. Für Führungskräfte, um den eingefahrenen Blick zu öffnen und neue Horizonte zu erreichen. Oder auch für Mitarbeiter/innen an einfacheren Arbeitsplätzen, um den Mut zu fördern, die Gestaltung von Neuem anzugehen. HR IN AKTION: Welche künstlerischen Elemente bauen Sie in Veranstaltungen der beruflichen Aus- und Weiterbildung ein? Mariott Stollsteiner: Es werden von mir und meinen Mitarbeiter/innen je nach Frage des Unternehmens verschiedenste Elemente eingebaut. So werden im Projekt Fähigkeitenwerkstatt® z. B. Bildhauerei mit verschiedenen Elementen, Kupferbearbeitung, Theater, Bewegung, Sprache, Musik, Skulptur und Malerei in ihren verschiedensten Ausführungen eingesetzt. Ein typisches Training mit künstlerischen Bausteinen darzustellen ist kaum möglich, da auf jede neue Frage eines Unternehmens neu geantwortet wird. HR IN AKTION: Welche Haltung haben Unternehmen gegenueber Kunst in der PE? Mariott Stollsteiner: Die Haltung von Unternehmen gegenueber Kunst in der PE hat sich in den fünfzehn Jahren meiner Arbeit deutlich gewandelt. Außerdem gibt es verschiedene Ansätze von Kunst in der PE. So gibt es noch den reinen Sponsoring-Gedanken oder das Mäzenatentum. Immer mehr kommt auch der Bereich Kunst als Event in Unternehmen hinzu: Hiermit werden jedoch eher flachere Effekte erzielt. In meiner Arbeit lege ich Wert darauf, dass die Kunst im Unternehmen ein Kultur schaffendes Element bildet und durch den Transfergedanken konkret Schritt für Schritt auch die Prozesse in der Arbeit verändert. Dieser Ansatz ist für einige Unternehmen immer noch sehr neu. Für die Unternehmen, die es jedoch einmal gewagt haben, kann man sagen, es ist ein großer Profit, weil dadurch viele Themen wie Identifizierung mit dem Unternehmen, Dasein, Veränderungsprozesse, und Mut zu Neuem befördert werden. Meine persönliche Erfahrung ist, dass am Anfang eine größere Skepsis herrscht, aber nach dem ersten Tun die Begeisterung nicht mehr nachlässt. HR IN AKTION: Gibt es Situationen, in denen Sie an die Grenzen von Kunst als Instrument für Personal - und Organisationsentwicklung stoßen? Mariott Stollsteiner: Die einzigen Grenzen, an die ich gestoßen bin, lagen in der Organisationsform der jeweiligen Unternehmen. Denn Kunst als Instrument für Personal- und Organisationsentwicklung ist kontraproduktiv in rein hierarchisch orientierten Unternehmen. Außerdem arbeiten wir nie auf ein Unternehmen zu, sondern unsere Arbeit richtet sich immer auf die Individualität des einzelnen Menschen. So dass dieser dann auch in aller Freiheit seine Entscheidung treffen kann, was in die Arbeit des Unternehmens wieder zurückgetragen wird. Wenn also Unternehmen nicht das Vertrauen besitzen in die individuelle Wahlfreiheit und Entscheidungskraft ihrer Mitarbeiter, so kommt natürlich Kunst an ihre Grenzen und kann sogar kontraproduktiv wirken. HR IN AKTION: Stellen Sie die Kunststücke, die von den Seminarteilnehmer erarbeitet werden, in den Unternehmen aus? Mariott Stollsteiner: Bei der Fähigkeitenwerkstatt® werden die Kunstwerke der Seminarteilnehmer begleitend zu den Seminaren an den Arbeitsorten der Mitarbeiter/innen präsentiert, so dass damit auch das direkte Umfeld für die Mitarbeiter/innen und für die Besucher verändert wird. Hier gibt es dann manchmal sehr heitere Fragen, was das Unternehmen denn jetzt wäre, eine Kunstgalerie oder ein Wirtschaftsunternehmen. Allerdings muss ich dazu sagen, dass alle Arbeiten, die in künstlerischen Transferprozessen hergestellt werden, auch ihre so genannte Halbwertzeit haben. Denn das Entscheidende an diesen Prozessen sind nicht die gefertigten Werke, sondern die Prozesse, die in der Individualität des Mitarbeiters sich in Bewegung setzen. Deshalb mein Tipp auch immer wieder an Seminarteilnehmer am Ende eines Seminars: Wenn Sie die Arbeit nicht jetzt gleich wegwerfen wollen, so schauen Sie doch spätestens in einem halben Jahr darauf, ob Ihr Prozess nicht schon revolutionärer geworden ist als Ihr damals gefertigtes Bild. Die Werke sind nur zeitlich begrenzte, dinglich fassbare Objekte, die aber auch zum richtigen Zeitpunkt, wenn die eigenen Entwicklungen schon weiter sind, entsorgt werden sollten. Frau Stollsteiner, herzlichen Dank für das interessante Interview! Zur Person: Mariott Stollsteiner ist Leiterin der Firma art & business in Köln. Ihre Schwerpunkte als Künstlerin und Beraterin liegen u.a. in der Gestaltung von Betriebsorganisationen und Personalmanagement durch Kunst und der Erweiterung von Führungs- und Selbstführungsstrategien. Zu den Spezialgebieten zählen Kreativitätssteigerung, Kulturveränderung und Förderung innovativer Zusammenarbeit. Mariott Stollsteiner bietet seit 15 Jahren Beratung und Seminartätigkeit für Wirtschaftsunternehmen. HR IN AKTION - Informationsdienst für interaktive Methoden / ISSN 1660- 2331 / redaktion.HR-IN-AKTION@nter-game.com c/o Intergame / Olgastraße 10 / CH - 8001 Zürich / T. +41 -43-268 0838 / F. +41- 43 -268 0878 / www.inter-game.com |